„In unserem Gehirn liegt ein Fenster ins Jenseits“

Glaube und Wissenschaft – eine ewige Feindschaft? Susanne Schmid-Grether sieht das anders. Die Theologin interessiert sich für Geistes- und Naturwissenschaften. In der Neurotheologie findet sie beide Lehren vereint.
Susanne Schmid-Grether (Infobox: zur Person), im Begriff „Neurotheologie“ (Infobox: Neurotheologie) liegt doch eine gewisse Spannung?
Nach unserem heutigen Empfinden vielleicht schon. Aber Geisteswissenschaften, wie die Theologie, und Naturwissenschaften gehen erst seit dem Zeitalter von René Descartes getrennte Wege. Er sagte, man müsse Geist und Materie voneinander trennen. Im Judentum waren Glaube und Wissenschaft immer verbunden. In der Neurotheologie finden Geist und Materie nun wieder zusammen.
Wie gehen Neurotheologen der Frage nach der Existenz Gottes nach?
Der Neurowissenschaftler Andrew Newberg testete bei einem Mönch die Gehirnaktivität während einer Meditation. Vor allem eine Gehirnregion war aktiv. Als die Konzentration ein gewisses Ausmass erreichte, gab es wie ein Überlaufen des Systems: Die Hirnareale, die zuständig für Raum- und Körperwahrnehmung sind, wurden ausgeschaltet. In diesem Moment fühlte sich der Mönch eins mit dem Universum und eins mit Gott. Dies erklärt, warum es zu einer solchen Wahrnehmung kommt.
Und wo steckt jetzt Gott?
Das Experiment beweist weder die Existenz noch die Inexistenz Gottes. Die Neurologie erklärt nur, was im Gehirn bei einer Gottesbegegnung geschieht. Die Antwort liegt in der Quantenphysik.
Wie ist die Antwort?
Es gibt in der Physik eine völlig andere Wirklichkeit. Wir kennen vor allem die materielle Welt. Hier funktionieren alle Newtonischen Gesetze: Ich fasse diesen Tisch an, es ist feste Materie. Wenn ich mir die Materie physikalisch vorstelle, besteht sie aus lauter Atome, und die sind leer. Trotzdem kann ich diesen Tisch anfassen. Ein Atom ist viel kleiner als der Tisch, aber auf dem Atom ist mehr Energie als auf dem ganzen Tisch. Je mehr man die Einheit verkleinert, desto grösser wird die Energie. Das Atom besteht aus noch kleineren Räumen. Der kleinstmögliche Raum, der bis jetzt in der Physik definiert wurde ist 10-35 Meter gross. Dort sitzt das ganze Energie-Konzentrat des Universums, sagt die Quantenphysik. Das ist die Jenseitsrealität. Es ist eine Ur-Energie, die Bibel nennt es „Gott“.
Für Sie ist also „Ur-Energie“ das Gleiche wie „Gott“?
Die Quantenphysiker sagen, unser Bewusstsein sei ein Teil von dieser Ur-Energie. Da sehe ich die Parallele zur Bibel absolut. „Gott schaffte den Menschen zu seinem Bilde“, steht im Alten Testament. Er legte also ein Stück von sich in uns Menschen hinein, ein Stück von seiner Energie. Und hier kehren wir auch wieder zur Neurologie zurück. Gott hat in unser Gehirn ein Fenster ins Jenseits gelegt. Die Neurologie fand heraus, dass nur das menschliche Gehirn dieses Fenster hat. Nur der Mensch hat diese ausgeprägten Stirnlappen. Dort misst man die starken Aktivitäten während einer Meditation. Tiere haben keine solche Stirnlappen, ihnen fehlt das Fenster in die andere Wirklichkeit. Das könnte die Bibel mit „Ebenbild Gottes“ meinen.
Der amerikanische Mikrobiologe Dean Hamer will ein Gottesgen entdeckt haben. Dieses Gen bestimme, ob man an Gott glaube oder nicht.
Die Theorie hat etwas Wahres. Gewisse Gehirne sind sicher besser zum Fokussieren ausgerüstet. Viele Leute können nicht abschalten. Ständig denken sie noch über den Einkaufszettel und das nächste Telefon nach. Bei diesen Gedanken sind die Hirnhälften am Hinterkopf aktiv. Die Stirnlappen bleiben jedoch inaktiv. Das Fenster zum Jenseits bleibt verschlossen. Die eigene Geschichte formt das Gehirn. Doch das Jenseits-Fenster muss nicht geschlossen bleiben. Abbau von permanentem Stress und Meditationsübungen können helfen, sich wieder aufs Jenseits ausrichten zu können.
Was passiert, wenn sich bei Ihnen das Fenster öffnet?
Ich werde ruhiger und rege mich nicht mehr so schnell auf. Ich trete in Verbindung mit dieser Ur-Ebene von Wirklichkeit, von Wahrheit, eben – Gott. Es ist wie in der Geschichte von Narnia: Da ist dieser Schrank. Ich kann vor diesem Holzschrank stehen, ihn anfassen und die Ornamente studieren. Oder ich gehe durch den Schrank und komme in eine andere Wirklichkeit. Beide sind Realität.
Zur Person:
Susanne Schmid-Grether arbeitete als Pflegefachfrau. Später widmete sie sich einem Theologiestudium. Ihre Lizentiatsarbeit schrieb sie über Judaistik, eine wissenschaftliche Erforschung des Judentums. Heute arbeitet sie als dipl. Neurofeedbacktherapeutin. Diese Ausbildung ermöglichte ihr einen Einblick in die Neurowissenschaften.
Was ist Neurotheologie?
Neurotheologie ist eine Bezeichnung für eine neue Richtung in der neurowissenschaftlichen Forschung. Untersucht werden religiöse Erfahrungen. In verschiedenen Experimenten untersuchen die Forscher die Hirnaktivitäten während Meditationen und anderen spirituellen Aktivitäten. Neurotheologisch stellt sich die Frage, ob Gott existiert oder ob er nur eine Vorstellung im Gehirn ist?








June 11th, 2009 23:35
ey merci für so spezielli, interessanti bricht! mega spannend!
neurologie isch doch eifach öpis wunderbars….
fasziniert mi immer wieder und ha nöd gwüsst, dass das i dem bezug git!
June 12th, 2009 09:34
@andie, isch ebe ned nur spannend wenns um “Hirnchrankete” oder so gaht;-)
June 26th, 2009 14:58
Na ja. Da ist auf der einen Seite die Neurologie, die sich mit der Funktionsweise des Gehirns beschäftigt, auf der anderen die Quantenphysik, die die kleinsten Teilchen und ihr seltsames Verhalten unter die Lupe nimmt, und auf der dritten Seite die Bibel. Wieviel diese drei Dinge miteinander zu tun haben, respektive inwieweit sie sich gegenseitig bedingen ist eine andere Sache.
Klar, wenn alles letztendlich aus Quanten besteht, dann muss wohl oder übel auch das Gehirn in einer gewissen Beziehung zu ihnen stehen. Doch dass die gern zitierten seltsamen Quanteneffekte sich bis auf die neurologischen Aktivitäten auswirken wird für gewöhnlich bestritten. Dazu sind die Grössenordnungen viel zu unterschiedlich.
Klar haben die meisten Leser der Bibel ein menschliches Gehirn, doch ein Grossteil hat auch ein menschliches Gebiss. Daraus, dass nur der Mensch die Bibel liesst und dass das Lesen irgendwo im Gehirn stattfindet, zu schliessen, dass demzufolge das menschliche Gehirn allein den Menschen gegeben wurde, um im optimalen Fall die Bibel zu lesen, ist um nichts plausibler als es aufs Gebiss zu stützen.
Dass man sich in den verschiedenen Disziplinen der gleichen Bilder/Metaphern bedient ist kein Beweis dafür, dass die Disziplinen auch irgend etwas miteinander zu tun haben! Und dieses Interview ist das reinste Mischmasch von Metaphern.
Damit will ich nichts gegen die Neurotheologie sagen, denn die untersucht ja einfach, was bei religiösen Erfahrungen im Gehirn geschieht. Daraus jedoch Gewissheiten für den eigenen glauben zu ziehen, ist nicht wissenschaftliche Methode sondern religiöses Wunschdenken.
Sorry, aber was Susanne Schmid-Grether versucht den Anschein zu erwecken, man habe es hier mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun, doch das ist leider ganz und gar nicht der Fall.
lg, Eda
June 26th, 2009 15:23
Hallo Eda. Schön, wiedermal von Dir zu lesen. Ich glaube das Anliegen von Susanne Schmid-Grether ist vor allem aufzuzeigen, dass die heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht der Bibel widersprechen. Oft haben die Christen Angst vor der Wissenschaft, weil sie irgend ein Glaubensbild zerstören könnte. Spannend an Schmid finde ich, dass sie keine Berührungsängste hat.
June 26th, 2009 16:00
Hallo Judith, war in der Tat lange auf Abwegen
Sie hat keine Berührungsängste, wohl wahr, was sie jedoch auch nicht hat, ist Respekt vor der Materie. Sie wirft achtlos mit Begriffen und Kausalitäten um sich und verkauft es als Wissenschaft.
Überspitzt formuliert, führt sie solche Kunststückchen vor: “Ins Grass beissen heisst sterben. Kühe beissen den ganzen Tag ins Grass, sterben aber nicht, daraus lässt sich wissenschaftlich schlussfolgern, das Kühe demzufolge der Tod sind und nicht diese Kapuzengestalt mit der Sense, das ist nur der Bauer, der Vorrat für den Winter einbringt.”
Sie spricht für eine Methode der Erkenntniserlangung (die Wissenschaft), die sie gar nicht benutzt.
Ich denke durchaus, dass ein Dialog zwischen Religion und Wissenschaft durchaus wünschenswert ist, doch man den jeweils anderen respektieren, ansonsten kann nichts brauchbares rauskommen oder noch schlimmer, der Graben wird nur noch grösser.
June 27th, 2009 09:17
by the way: Der folgende Artikel relativiert etwas die Errungenschaften der Neurotheologie.
http://www.zeit.de/zeit-wissen.....Gotteshelm
Es sollte auch noch erwähnt werden, dass die neurologischen Befunde inklusive der Versuche mit dem “Helm”, selbst wenn sie inzwischen eher in Zweifel gezogen werden, genauso gut auch ein Indiz dafür sein könnten, dass es in der Tat ein Gotteswahn ist (um Dawkins Titel zu zitieren
Wenn ich nämlich von rosaroten Elefanten halluziniere, sei es nun einfach so oder weil ich mir eine entsprechende Pille eingeworfen habe, ist es mehr als naiv daraus schliessen zu wollen, dass es demzufolge rosarote Elefanten geben muss.
lg, eda
ps. ich möchte mich noch entschuldigen, wenn ich mich beim ton in meinem letzten beitrag vergriffen haben sollte. war ein anstrengender tag und mir sass noch eine erfahrung mit einem “Dr. med., dipl. phys. ETH” im Nacken, der sich als vermittler zwischen esotherik und wissenschaft verkauft, in seinem vortrag jedoch behauptete, wasser sei nicht h2o, planeten seien nicht rund wegen der gravitation sondern wegen der antipathie und die warmblüter seien älter als die kaltblüter. und das publikum war begeistert darüber, was die wissenschaft so alles herausgefunden habe…
und die antworten von Susanne Schmid-Grether erinnerten mich von der rhetorik her schon ein bisschen an eben jenen vortrag.
June 27th, 2009 14:58
ja genau, um das Respektieren geht es. Auch in diesem Beitrag. Respektieren heisst ja nicht, dass man sich nicht mit verschiedenen Materien auseinander setzen darf.
June 27th, 2009 18:17
Doch wenn man sich mit ihnen auseinandersetzt, dann aber adäquat!
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn man sagt man sein Physiker, dann verfallen die Leute in andächtiges Schweigen. Wenn man aber sagt man sein Philosoph, dann erklären sie dir dein Fach. Wenn sich Otto-Normal-Verbraucher nicht zufällig etwas eingehender mit Physik oder Philosophie auseinander gesetzt hat, so ist er in beiden Disziplinen gleichermassen ein Laie. Bloss in der Physik merkt er es selbst, während er sich in der Philosophie seltsamerweise für absolut ebenbürtig hält.
Natürlich sind beide Disziplinen auf einem populärwissenschaftlichen Niveau diskutierbar, diesen Diskurs sollten sie sogar suchen, doch sind die beiden Ebenen grundverschieden.
Was Susanne Schmid-Grether hier vorgeführt hat ist in höchstem Masse respektlos, weil sie unter dem Deckmantel der Wissenschaft Ansichten äussert, die aber auch gar nichts mit dieser zu tun haben. Sie setzt Begriffe aus verschiedenen Disziplinen einander gleich und entwirft damit genau das Bild, das sie zeichnen will. Sie macht nichts anderes als Analogieschlüsse und verkauft es als logische Konsequenzen.
Vortäuschung falscher Tatsachen ist meines Wissens keine Form des Respekts.
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Ich habe auch ein bisschen darüber nachgedacht, welcher Form der Dialog zwischen Wissenschaft und Religion sein könnte. Ist gar nicht so einfach, denn wo die Wissenschaft ihre Hand drauf hat, da sind Dogmen keine diskutierbaren Alternativen. So ist eine Diskussion über die Gravitation zwischen einem Physiker und einem Bibelexegeten eher verlorene Liebesmüh. Ich denke, die Psychologie ist der Ort, wo sie ihre Erfahrung einbringen kann. Die Soziologie sicherlich auch. Und sicher auch ganz besonders die Ethik. Doch einen unbedingten Wahrheitsanspruch hat sie nicht.